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[Buch] Eugen Ruge – In Zeiten des abnehmenden Lichts

Oktober 24, 2011

Sind wir zwangsläufig ein Abbild unserer Eltern und deren Wertekanon? Eugen Ruge beschäftigt sich in seinem sogenannten Familienroman „In Zeiten des abnehmenden Lichtes“ unter anderem ausführlich mit dieser Frage. Der Romandebutant hat die Personen seiner Protagonistenfamilie tief in der historischen Gesellschaftssituation des vergangenen Jahrhunderts verwurzelt. Dabei spielen vor allem die DDR, deren Gesellschaft wie auch politischen  Strömungen eine wichtige Rolle. Erzählt werden nach und nach die ganze Geschichte des Ehepaares Charlotte und Wilhelm samt ihrer Kinder und Enkelkinder. Vor allem der Enkel Alexander wird eine wesentliche Rolle einnehmen.
Wilhelm und später auch Charlotte sind schon vor dem zweiten Weltkrieg Teil der linken beziehungsweise kommunistischen Bewegung in Deutschland. Auch ihre Söhne fühlen sich geistig dort verwurzelt. Aus diesem Grund muss die Familie später vor den Nazis flüchten und begibt sich nach Russland ins Exil. Dort trennen sich ihre Wege.

Während Wilhelm wohl angeblich als Spitzel nach Deutschland zurück geschickt wird, verbleiben die Söhne in Russland. Dort geraten beide allerdings in Lagerhaft, nachdem sie den Hitler-Stalin-Pakt scharf kritisierten. So kommt es auch das einer in der Haft umkommt und der Zweite,  Kurt, erst nach langer, schmerzlicher Haft wieder nach Deutschland, in die neugegründete DDR zurückkehrt. In der Zwischenzeit haben seine Eltern für einige Zeit im mexikanischen Exil gelebt und kehren danach auch nach Deutschland (Ost) zurück. Alle werden aufgrund ihrer Erlebnisse von den Entscheidungsträgern des Staates protegiert und in gehobene Position in der Gesellschaft beziehungsweise Wissenschaft gehoben. So hat jedes Familienmitglied seine eigene, sehr spezielle Haltung und Wahrnehmung.

Im weiteren Verlauf der Erzählung wird dann hauptsächlich die Entwicklung der einzelnen Personen in der DDR und danach beleuchtet. Dabei ist jedes Kapitel einem speziellen Datum beziehungsweise einem Jahr zugeordnet. Die ganze Handlung findet im 1.Oktober 1989 (dem 90. Geburtstag von Wilhelm) ihren Höhepunkt. Dieser Tag wird mehrfach, aus der Sicht unterschiedlicher Familienmitglieder erzählt. An diesem Punkt der Geschichte verdichten sich quasi alle Schicksale, während sich die politisch-gesellschaftliche Lage der DDR ebenfalls zuspitzt. So ist zum Beispiel Kurts Sohn Alexander kurz vor dem Geburtstag über Ungarn in die BRD geflohen, Wilhelm nähert sich seiner kompletten geistigen Umnachtung und Kurt steht seinerseits an einer Sackgasse seines Lebensweges.

Genau dieses familiäre Spannungsfeld nutzt der Autor über weite Strecken des Buches um die gesellschaftliche Lage aufzunehmen und zu hinterfragen. Dabei spielen auf der einen Seite die überzeugten Altkommunisten mit ihren Uridealen des sozialistischen Weltbildes eine Rolle während sich auf der anderen Seite die, sogenannten, Realos positionieren. Im Fall von Ruges Roman sind sie pragmatisch, emotionslos, vom System/der Gesellschaft enttäuscht, aber mutlos um zu handeln. Eine alternative Seite stellt die dritte Generation der Familie dar. Jung, vorbehaltlos, ihrerseits ebenfalls mit Idealen beladen und entschlossen zu handeln. Doch nicht nur dieser Generationen- und Überzeugungskonflikt ist ein zentrales Thema des Romans. Hinzu kommt noch die Gegenüberstellung von weiblichen und männlichen Darstellern. Dabei wird nur allzu deutlich, dass der Autor alle Positionen männlicher Darsteller in ihren weiblichen Gegenpositionen mehrfach multipliziert. Gerade die Frauen sind die eigentlichen Hauptakteure im Roman, da sie neben den Tätigkeiten des täglichen Lebens Positionen beziehen und leidenschaftlich für diese eintreten, während die Männer eher Zaudern und Zögern.

Bei dieser inhaltlichen Fülle, die das Buch umreißt stellt sich natürlich zwangsläufig die Frage: Was will es, was kann es, was ist es? Familienroman? Gesellschaftskritik? Historienbild? Keines von all jenen? Stellt man sich diesen Fragen nach der Lektüre wird einem schnell klar, was das Problem des Romans ist. Weder das eine noch das andere kommt deutlich heraus. Zum Familienroman fehlt die persönliche Tiefe der Personen. Der Gesellschaftskritik mangelt es an kontrovers diskutierten Thesen bezüglich der unterschiedlichen Gesellschaftsmodelle und für eine Historienbetrachtung ist der Roman viel zu abstrakt und künstlerisch fragmentiert…. Wie soll man nun zu einem Urteil kommen. Erzählerisch was Form und Sprache angeht kann man dem Autor nur gratulieren, denn er hat einen ansprechenden Spannungsverlauf und eine gute Erzählung abgeliefert. Gerade die Konstruktion des Kapitelverlaufs  mit den ständig wechselnden Erzählzeiträumen ist sehr gelungen. Jedoch hinkt der Inhalt etwas hinter dem Erzählkonzept her. Gerade die komplexen Zusammenhänge zwischen familiärer Innensicht und gesamtgesellschaftlicher Lage kommen aus meiner Sicht nicht deutlich genug zum Vorschein. Wenn man so will fehlt es dem Roman etwas an Kontrast, an literarischer Überhöhung….

Während diese Besprechung entstandt hört man auch, dass der Autor für diesen Roman den Deutschen Buchpreis erhält.In diesem Zuge wird häufig erwähnt, dass dies nach Tellkamps Der Turm der zweite ausgezeichnete Roman ist, in dem die DDR und Teile der Gesellschaft eine bedeutende Rolle einnehmen. Hier muss man allerdings ganz klar differenzieren, dass in Tellkamps Roman ein deutlich komplexeres Gesellschaftspotrait gezeichnet wurde. Dies soll natürlich nicht Eugen Ruges Roman abwerten, zumal die Jury des Buchpreises auf der einen Seite vor allem den formalen Handlungsaufbau hervorhebt und auf der anderen Seite einen Preis mir einem starken Augenmerk auf die Verkäuflichkeit eines Werkes hat…

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