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[Buch] Benjamin Stein – Die Leinwand

Februar 11, 2011

Ich gebe es ganz offen zu: zuerst hat mich das Buch weder durch seine Synopsis, noch durch den Namen des Autors, noch durch das Cover angezogen.  Benjamin Steins Roman „Die Leinwand“ hat mich zunächst einmal durch seinen Aufbau angezogen. Es ist aufgebaut aus  zwei Handlungssträngen, sauber voneinander getrennt, jeder von einem Buchdeckel aus zu lesen. Man liest sich also bis zur Mitte  hindurch um das Ende der Geschichte zu erfahren. Auf welche Weise? Zuerst die eine,  dann die andere Seite? Immer im Wechsel? Es bleibt dem Leser überlassen…In meinem Fall habe ich mich immer Stück für Stück auf je einer Seite voran gelesen,  um bei der nächsten  Gelegenheit die Seiten zu wechseln. Und was soll  ich hier am Anfang sagen…? Es war spannend, fast wie ein Krimi, nur viel besser 😉

Die beiden Geschichten, die erzählt werden sind von Anfang an sehr unterschiedlich.

Da ist auf der einen Seite Amnon Zichroni, der stark von der jüdischen Religion und Lebensweise geprägt in Jerusalem aufwächst. Als er beginnt sich von der Lektüre der heiligen Schriften etwas zu entfernen indem er im elterlichen Bücherregal auf weltliche Literatur stößt beginnt sich sein Leben zu wandeln. Natürlich weiß er, dass er damit einen Fehler begeht, erst recht als er von der Spannung gepackt einen Roman mit zur Schule nimmt, um ihn statt der verordneten Lektüre zu lesen. Natürlich ist dieser Akt dafür gemacht schief zugehen. Zur Strafe schickt ihn der Vater zu einem Freund der Familie in die Schweiz. Nach der streng religiösen Erziehung in seiner Heimat übernimmt nun dieser „Onkel“ eine ebenso strenge Erziehung. Der Genuss von weltlicher Kultur wird ihm zwar nicht untersagt, aber er wird gut gefiltert und eine starke Einbindung in die religiöse Schulbildung füllt die Zeit des Amnon Zichroni gut aus. Als er nach Beendigung der Schule für einen Moment in der Illusion lebt eventuelle eine „normale“ Universität besuchen zu können, wird ihm auch diese durch den Vormund genommen. So landet Zichroni schließlich an einer jüdischen Universität in den Vereinigten Staaten.

Ganz anders verläuft die Entwicklung des jungen Jan Wechsler. Dieser kommt zuerst mit weltlicher Kultur in Berührung, bevor er spät im Leben seine jüdischen Wurzeln für sich entdeckt und sich ihnen wie auch der jüdischen Kultur näher zuwendet.
Er wächst, nach eigenem Bekunden, in der ehemaligen DDR auf und kommt deshalb nur rudimentär mit dem jüdischen Kulturkreis in Berührung. Dafür beschäftigt er sich intensiver mit der ihm zur Verfügung stehenden weltlichen Literatur. Auch wenn er nach der politisch-gesellschaftlichen Wende mehr und mehr Kontakt zum jüdischen Leben knüpft, bleibt seine weltlich geprägte Grundhaltung präsent.  Er stolpert teilweise durchs Leben, ist mal opportunistisch, mal vom Glück verfolgt und mal verloren. Er hangelt sich scheinbar von Tag zu Tag. Bis sich sein Leben verändert und sich eine Geschichte herauskristallisiert, seine Geschichte und die Zichronis.

Benjamin Stein hat hier einen Roman nahezu konstruiert anstatt ihn zu schreiben. Feingeplant. Zwei Geschichten, die miteinander verwoben, aber zunächst nicht offensichtlich. Mit Präzision zusammengeführt Seite für Seite. Unabhängig von einander. Mit krimihaften Zügen, aber intelligent. Man nennt so etwas wohl manchmal Salamitaktik. Aber es funktioniert einfach. Es bleibt eine dauerhafte Spannung hängen bis zur Auflösung der Situation am Schluss, respektive in der Mitte. Was das Buch aber deutlich vom Krimi abhebt ist, dass diese Auflösung keinesfalls trivial ist und der Weg dorthin ist  es erst recht nicht.

Benjamin Stein legt ein Buch vor, was nicht nur durch seinen klaren Stil sondern, auch durch eine spannende Geschichte zu überzeugen weiß. Und nicht nur das. Statt allein auf Spannung zu zielen stellt er Fragen, sucht nach der Tiefe und lässt den Leser mit dem Gefühl zurück über manche Dinge noch einmal nachzudenken. Natürlich haben sich schon viele Autoren mit dem Einfluss von Glauben und Religiosität auf unser Leben gestellt. Natürlich werden vielfach Fragen nach Wertesystemen, Identitätssuche, Kultur und Erziehung gestellt. Aber dieser Roman geht  so vielschichtig und niemals platt mit den Themen um. Es ist einfach beste Literaturkost, die noch dazu kreativ serviert wird. Zudem spricht das Buch, vermute ich an dieser Stelle, eine sehr breite Leserschaft an, da sowohl weltlich, wie auch religiös geprägte Menschen vielfältige Diskussions- wie auch Denkansätze finden werden.

Nach diesem, doch sehr eindrucksvollen Roman des noch vergleichsweise jungen Autors darf man doch sehr gespannt auf weitere Arbeiten sein, zumal er in letzter Zeit auf seinem Blog „Turmsegler“ regelmäßige „Skizzen“ aus dem wohl kommenden Werk „Pan schweigt“ veröffentlicht. Auch diese sind sehr lesenswert, wie im übrigen der gesamte Blog Steins.

Benjamin Stein

„Die Leinwand“

416 Seiten

C.H. Beck Verlag, 2010

ISBN: 978-3-406-59841-8

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