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[Buch] Jonathan Littell -Die Wohlgesinnten- Teil 2

November 25, 2010

Nach einer längeren Wartezeit folgt auf den ersten nun der zweite Teil der Besprechung von Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ . . .

Die einschneidenden Ereignisse in und um Stalingrad bedeuteten zu ihrer Zeit nicht nur für das Kriegsgeschehen eine deutlich Zäsur, sondern auch für Dr. Aue, den Protagonisten in Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten„.
Er war als SS-Mann an vielen Kriegsverbrechen hinter der Ostfront beteiligt und wurde schließlich in das besetzte Stalingrad strafversetzt.  Durch diese, selbst für den Krieg, besonders schweren Umstände verschlechtert sich Aues körperlicher wie geistiger Zustand rasand bis er sich parallel zum Kriegsgeschehen zuspitzt. Nur mit Glück und den richtigen „Freunden“ konnte er als einer der letzten, schwer verwundet ausgeflogen werden.

Um sich von den körperlichen Folgen erholen zu können hält er sich zunächst in einem Krankenhaus nahe Berlin und später in einer Kuranstalt an der Ostsee auf. Dort erfolgt nicht nur die körperliche Genesung sondern auch die Auseinandersetzung Aues mit sich selbst.
Schon seit längerer Zeit beschäftigen beziehungsweise quälen ihn psychische Belange, besonders in Bezug auf die Beziehung zu  seiner Familie.
Aues Vater, ein Freikorpkämpfer, verließ die Familie früh was besonders für Aue sehr schmerzhaft war. Später heiratete die Mutter einen Franzosen, was dazu führte, das die Familie nach Frankreich übersiedelte und Aue zusammen mit seiner Schwester seine Kindheit und Jugend in Frankreich verbrachte. Diesen Schritt des Loslassens von Aues Vater und von Deutschland, hält er seither seiner Mutter als Verrat und Fehler vor. Er hasst seine Mutter und deren neuen Mann geradezu. Deswegen verlässt er die Familie  nach dem Abitur. Aus  Trotz und Wut zieht es ihn nach Deutschland und vor allem in die Nähe der gerade aufkeimenden Nazibewegung.
Ein weitere Punkt für seine Probleme liegt in der Beziehung zu seiner Schwester. Im Kindes- und Jugendalter kommen sich die beiden rasch sehr nahe. Als die Familie darauf aufmerksam wird, trennen sie die beiden sofort und schicken sie auf Internate. Während die Schwester im Laufe ihrer Entwicklung ohne große Probleme Beziehungen zu anderen Partnern aufbaut, kann sich Aue hingegen nie mental von der Beziehung zu seiner Schwester loslösen. Dies führt, laut eigener Aussage, dazu, dass er homosexuell wird, da er wohl nie eine andere Frau, als seine Schwester lieben kann.

Diese tiefgreifenden Probleme wirken noch stärker auf ihn, als er sich in Erholung seiner Verwundung befindet, da sich ihm nur wenig Zerstreuung bietet. Während er die äußerlichen Wunden langsam auskuriert, kommt er innerlich nicht zur Ruhe.
Aufgrund der Ereignisse wird Aue nach seiner Genesung beruflich vorrangig in Berlin eingesetzt und begleitet, auch und vor allem durch einflussreiche Gönner begünstigt, vorwiegend wichtige Positionen im Rahmen der Internierung und Tötung der Juden.  Auch wenn es bei dieser Tätigkeit kaum vorstellbar scheint führt er dennoch ein sehr ruhiges und geregeltes Leben. Er hat wieder vermehrt gesellschaftlichen Kontakt, fühlt sich aber nicht unbedingt wohler. Aue hat nun deutlich mehr Zeit über sich und seine Herkunft nachzudenken und außerdem wird ihm seine Situation nach und nach stärker bewusst, indem er sein Handeln, Denken und Verhalten anderen Menschen gegenüber im Kontrast zu seiner Umgebung reflektiert.
Die Dramatik seiner Biografie baut sich vor allem in dieser Zeit auf. Einerseits trägt die Zuspitzung der Kriegssituation, gerade in Berlin, stark zu Dramatisierung bei, andererseits gerät Aue persönlich zunehmend unter Druck.
Im Zuge seiner Aufarbeitung unternimmt er auch eine Reise nach Frankreich, während der er seine Mutter und deren Lebensgefährten nach langer Zeit wieder trifft. Die beiden kommen allerdings während seines Aufenthaltes unter  undurchsichtigen Umständen ums Leben. In der unmittelbaren Situation entfernt sich Aue möglichst ungesehen vom Schauplatz. Allerdings wird der Fall im späteren Verlauf die Polizei beschäftigen. Diese ermittelt mit zwei tatkräftigen Kommissaren, welche Aue privat wie auch beruflich stark in Bedrängnis bringen.
So ist es kaum verwunderlich, dass Dr. Aue im Verlauf der letzten Kriegswochen immer stärker in eine depressiver Stimmung abgleitet, die ihn an den Rand seiner Existenz bringt. In letzter Konsequenz wird sein Überleben, wie schon bei seiner Einkesselung in Stalingrad, durch eine Mischung aus Glück, Dreistigkeit und dem Einfluss seiner „Freunde“ gesichert.

Beim Beenden dieses Romans muss man zunächst einmal durchatmen und versuchen ihn zu greifen. Schließlich ist es nicht nur rein umfänglich ein enormes Werk, sondern vor allem inhaltlich.
Ein sehr entscheidender Lebensabschnitt eines Menschen wird sehr facettenreich beschrieben. Zwar gibt der Protagonist einleitend einiges von sich preis um in die Handlung einzuleiten, doch im Verlauf der Geschichte macht es mehr und mehr den Eindruck, dass nicht nur der Leser versucht das Wesen und die Beweggründe der Figur zu erfassen, sondern auch der Erzähler sich mehr und mehr selbst erfasst. Dieser Prozess zieht sich natürlich wie beschrieben über viele Erzähljahre und ist immer in Bewegung. Im Verlauf dieser Zeit wird der Protagonist gleichwohl wie der Leser mit vielen Tatsachen und Abläufen konfrontiert, die aus heutiger Perspektive abscheulich wie auch unvorstellbar wirken. Gerade diese Passgagen sind aus Leserperspektive keinesfalls leicht verdaulich. Allerdings muss man auch festhalten, dass sich Dinge eben nur durch ihre Offenlegung und den Umgang mit ihnen verarbeiten lassen. Aus dieser Perspektive leistet das Buch einen wertvollen Beitrag.
Es bleibt bei all den Beschreibungen der vielen vorkommenden Handlungsorte und Personen (geschichtlich bekannten wie unbekannten) doch sehr auf der persönlichen Ebene des Maximilian Aue und macht alle Geschehnisse immer direkt an seinem Handeln fest.

Der Roman behandelt  auf diese  Weise geschickt viele wichtige Themen rund um den zweiten Weltkrieg und vor allem den Menschen die am „System III.Reich“ beteiligt waren. Natürlich bietet es einen sehr subjektiven und begrenzten Blick durch das, dazu noch recht spezielle, Schicksal einer Person. Aber der Roman stellt sich aus meiner Sicht eher als Versuch einer Aufarbeitung dar. Der Autor versucht ständig  Fragen zu stellen und seinen Protagonisten mit Antworten umzugehen zu lassen.
Zudem ist die Erzählperspektive einmal nicht auf die Opfer gerichtet ist, sondern widmet sich ganz bewusst der sehr schwierigen Rolle der Täter. Genau diese Perspektive ist sehr schwierig umzusetzen und birgt immer die Gefahr einen Charakter zuschaffen, der nach Mitleid ringt und die Schwere seiner Taten zu verschleiern versucht. Doch gerade mit dem expliziten Umgang dieses Themas geht der Autor allen Diskussionen aus dem Weg. Er gibt seinem Protagonisten bewusst eine große Portion Arroganz und Uneinsichtigkeit mit auf den Weg. Auch wenn dieser eine spezielle Biografie hat, bekommt man als Leser nie den Eindruck, dass sein Verhalten dadurch in irgendeiner Weise entschuldbar wäre. Der Mensch Maximilian Aue bleibt ein schwer belasteter, aber gleichzeitig uneinsichtiger Charakter. Eine schwache Gestalt, die sich für die Zwecke andere vorbehaltlos vor diverse Karren spannen lässt. Er scheint intelligent zu  sein, aber gleichsam  ist er schwach beziehungsweise manipulierbar in seiner Meinungsbildung.

Das Buch, wie gesagt, ist aus meiner Sicht ein Versuch. Das heißt natürlich auch, dass es nicht alles richtig machen kann. Wie bereits erwähnt erzählt Jonnathan Littell teilweise sehr ausschweifend und je nach Situation mit opulenter Sprache. Das mag zwar an manchen Stellen angebracht sein, aber an vielen Stellen wäre eine pointierte Darstellung hilfreich für den Lesefluss gewesen.
Ein weitere kritischer Punkt bei derlei Stoff ist natürlich die Grenze zwischen Fiktion und Realität. Diese ist im Roman, wie sicher beabsichtigt, meist nur schwer zu erkennen. Zu eng ist die Biografie des Protagonisten mit der (grausamen) Realität verbunden. Umso wichtiger ist herauszuheben, dass dieses Werk ein fiktives ist. Es versucht bewusst mit den Mitteln der Fiktion zu erkunden, was eine Dokumentation so nicht schafft. Was treibt Menschen an in dieser Weise zu Handeln?
Unter diesem Gesichtspunkt ist das Werk einfach einzigartig. Es ist ein Versuch. Es ist ein Werk, das eine ganz andere Art der Aufarbeitung versucht, in dem es hinter die, von der Dokumentation zurecht als Verbrecher gestempelten, Nationalsozialisten eine Geschichte legt.

Alles in allem ein Roman mit viel Tiefgang, der allerdings genauso viel vom Leser verlangt wie er ihm gibt.

Jonathan Littell

„Die Wohlgesinnten“

1392 Seiten

Berliner Taschenbuch Verlag, 2009

ISBN: 978-3-8333-0628-0

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