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[Buch] Tom Rachman – Die Unperfekten

November 8, 2010

Der sogenannte Bücherherbst startet mit einem Buch, was bisher von vielen Seiten Lob einheimsen konnte: Tom Rachmans „Die Unperfekten“.

Der Handlungskosmos dieses Romans dreht sich rund um die Redaktion einer internationalen Tageszeitung. Diese, gegründet von einem amerikanischen Mäzen, schlägt sich Tag für Tag mit journalistischen und vor allem finanziellen Problemen herum. Doch dies sei nur am Rande genannt.
Als Leser lernt man weniger die Zeitung als solches kennen, sondern wird häppchenweise mit einzelnen Mitarbeiter bekannt gemacht und erfährt Stück für Stück etwas über die Entwicklung der Zeitung bis in die heutige Zeit.
Ein Handlungsverlauf im klassischen Sinne liegt diesem Buch nicht zu Grunde. Wie erwähnt werden einzelne Mitarbeiter mit je einem  Kapitel bedacht. Es handelt sich dabei um sehr unterschiedliche Charaktere von der Chefredakteurin über einen abgehalfterten freien Mitarbeiter bis zum Zeitungsverleger. Auch wenn die kurzen Geschichten immer einen Anfangs- oder Anknüpfpunkt in der Zeitung(sredaktion) haben, so beschreiben sie doch eher den jeweiligen Einzelcharakter. Im Verlauf des Buchs begegnen sich auch einige Personen immer wieder oder sind auf die eine oder andere Art verknüpft, aber nie in einem Maße in dem sich eine übergeordnete Handlung ergeben könnte. Einheitlich ist dabei, dass alle Charaktere in Rachmans Roman ihre ganz eigene Art von Problemen zu lösen haben. Viele von ihnen haben zwar eine Leidenschaft für Nachrichten und den Journalismus im Allgemeinen, fühlen sich aber durch den wachsenden finanziellen Druck und den ständigen Termindruck unwohl. Demzufolge agieren sie im privaten Umfeld meist komplett gegensätzlich zu ihrem Arbeitsverhalten und suchen Ruhe und Sicherheit. Sie versuchen nahezu auf Krampf privat ein „normales“ Leben zu führen. Im Gegensatz zum Arbeitsleben leisten sie sich deshalb im Privaten, teilweise ganz bewusst, Schwächen, die sie immer wieder aufs Glatteis führen. Natürlich sind dies für jeden Charakter ganz individuelle Probleme, aber es scheint dennoch symptomatisch für diese Berufsgruppe, im Roman, dass diese starke Abkapselung vom professionellen Arbeitsalltag tendenziell zu vielen Problemen führen. Das äußert sich vor allem bei den Beziehungen, die Rachmans Charaktere zu anderen Personen pflegen.

Alles in allem liest sich das Buch mit diesen 11 einzelnen Geschichten sehr flüssig. Die Geschichten sind zu meist interessant und die Dialoge unterhaltsam. Aber genau das ist auch DER Schwachpunkt dieses Romans. Er ist bestenfalls unterhaltsam. Er kratzt nur an der Oberfläche von vielen Personen und schafft es an keiner Stelle in die Tiefe zu gehen. Leider muss man auch sagen, dass die Rahmenhandlung der Zeitungsredaktion mehr oder minder austauschbar scheint. Zwar kann man dem Autor nicht unterstellen, dass er nicht fachlich kompetent in dieser Branche sei (er war/ist selber Journalist), allerdings habe ich das Gefühl, dass sich die Geschichten der einzelnen Personen meistens stark von der Zeitung entfernen und eher im privaten beziehungsweise zwischenmenschlichen angeordnet sind. Das Thema des medialen Umbruchs, welcher gerade die Printmedien stark betrifft wird allenfalls am Rand und dazu mit sehr wenig Aufmerksamkeit betrachtet. Die Probleme der handelnden Charaktere hängen zwar mit ihrer Arbeit zusammen, beeinflussen aber nicht im geringsten die Entwicklung der Medienlandschaft. Deshalb kann man auch nicht, wie andere vor mir dies getan haben, weder davon sprechen, dass der Roman in irgendeiner Weise einen „Nachruf auf die Tageszeitungsbranche“ darstellt, noch, dass er den Einfluss sogenannter „Neuer Medien“  auf die Gesellschaft erörtert!
Im Rückblick kann man Tom Rachman bestätigen, dass er einen ordentlichen Roman geschrieben hat. Allerdings auch nicht mehr. Er ist technisch gut, aber Konzept der verzweigten Geschichten kann er nicht umsetzen. Seine kurzen Geschichten bleiben Momentaufnahmen, die immer dann aufhören, wenn ein Eindruck einer Person sich gerade entfalten könnte.

Da es sich um ein Debüt handelt, kann man getrost hoffen, dass sich weitere Werke mit hoffentlich mehr Tiefe entwickeln…

Tom Rachman

„Die Unperfekten“

1392 Seiten

Deutscher Taschenbuch Verlag,  2010

ISBN: 978-3-423-24821-1

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One Comment leave one →
  1. Januar 21, 2012 4:11 pm

    finde ich auch. und: die übersetzung ist unterirdisch! gibt es das wort „schwanzkopf“ im deutschen? heisst das etwa „dickhead“ im originaltext? schöne grüsse rokkn

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