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[Buch] Jonathan Littell -Die Wohlgesinnten- Teil 1

August 11, 2010

Bestimmen Mitläufer -intelligente wie weniger intelligente- den Lauf der Geschichte und der jeweiligen Gesellschaft? Lehnen sich moderne, wie auch historische Gesellschaften immer wieder an wenige Führungspersönlichkeiten an, anstatt selbst aktiv zu werden?
Diese Fragen stellen sich meiner Meinung nach nicht nur im täglichen Leben von demokratisch-freiheitlichen Gesellschaften, sondern vor allem in unterdrückten Umgebungen. Besonders prägnant, im schmerzlichen Sinne, war dabei für Europa die Unterdrückung durch das nationalsozialistische Regime. Dass die gesellschaftlichen Fragen in Bezug zu dieser Zeit, gerade bei dem Thema der Verantwortung jedes Einzelnen an den Geschehnissen, noch längst nicht vollständig geklärt und erörtert wurden beweist Jonathan Littells literarische Aufarbeitung „Die Wohlgesinnten“.

Als nicht vollkommen fiktive, aber dennoch literarische Arbeit beschäftigt sich der Autor mit dem Handeln eines Einzelnen. Dieser Einzelne ist allerdings nicht, wie mittlerweile nahezu üblich, ein Opfer des Regimes, sondern selber Täter. Der  SS-Angehörige und Jurist Maximilian Aue berichtet als Ich-Erzähler nach dem  Krieg von seinem Werdegang während der NS-Zeit und vor allem von den Grausen des Krieges in Polen, der Ukraine und Russland,  denen er selber oft aktiv beigewohnt hat.
Am Beginn des Buches befindet man sich zeitlich einige Jahrzehnte nach dem Krieg. Maximilian Aue hat sich in Frankreich eine Existenz im Textilmaschinengewerbe aufgebaut und lebt unbehelligt, ein gut bürgerliches Leben.  Doch anscheinend nagt das  Gewissen oder zumindest die Erinnerung an seine eigenen und die Taten seiner Kameraden an ihm. So fängt er an seine Geschichte in einem, gerade zu Beginn recht herablassenden und entschlossenen Ton, nieder zuschreiben.

Nachdem er seinen Schulabschluss in Frankreich absolviert hatte zog es den jungen Maximilian Aue in das schon durch die Nazis geprägte  Deutschland,  wo er Jura studieren wollte. Nach einiger Zeit fand er in seinem Professor nicht nur einen Förderer im  Studium, sondern einen Mentor. Dieser brachte ihn auch schnell mit der SiPo (Sicherheitspolizei des Dritten Reiches) in Verbindung, für welche er künftig sporadisch als Informant tätig war.
Durch seine bereits ausgeprägten homosexuellen Neigungen war er jedoch selber auch ständig der Gefahr ausgesetzt, bespitzelt und als Homosexueller enttarnt zu werden.
Als er eines Nachts nach einem seiner Liebesabenteuer tatsächlich aufgegriffen und in Gewahrsam genommen wird, werden gerade diese Vorwürfe in den Fokus gerückt. Nur durch die Gunst eines Beamten , dem SS-Mann Dr. Thomas Hauser, welcher zu einer Art Freund für Aue werden wird, wird er verschont und verpflichtet sich der SS beizutreten.
Seine Arbeit bei der SS beschränkte sich spätestens mit Beginn des Krieges nicht mehr nur auf das Sammeln von Informationen oder blanke Büroarbeit. Aue ist von Beginn an bei den Kommandos der SS hinter der Front, vor allem in Polen. Er ist dabei, wenn Menschen zusammen getrieben werden, gefoltert und mit steigender Häufigkeit getötet werden. Auch wenn er zunächst angewidert ist, sich erbricht und unter gesundheitlichen Beschwerden leidet, befürwortet er die meisten Aktionen und sieht sie als notwendig im Sinne der nationalsozialistischen Idee an. Mit zunehmendem Fortgang des Krieges und damit dieser Aktionen fühlt er sich zwar steigend unwohl, allerdings kommt er keineswegs zu der Erkenntnis, dass das Vorgehen falsch sein könnte. Ganz im  Gegenteil findet er immer wieder ideologische, wie auch historische Gründe, warum die Täter im Recht sein sollen.

So geht die  Geschichte,  Aues und die des Krieges, voran, wobei Aue an verschiedenen Kriegsschauplätzen, zum Beispiel  in Polen und der Ukraine  „arbeitet“. Er ist dabei einer der Eifrigen, dem Nationalsozialismus verschriebenen Männer, der fest an einen Sieg glaubt. Auch und gerade in Zeiten  in denen die Lage an der Front immer brenzliger wird, behält sich Aue den Siegesglauben bei und kann die Kameraden um ihn herum mit mehr Realitätssinn, wie sein Freund Thomas, nicht ernst nehmen. Selbst als er, aufgrund seiner teils sehr idealistischen Ansichten und Ideen, ins bereits eingekesselte  Stalingrad strafversetzt wird, mag er kaum zweifeln.

Doch auch wenn er sich in seiner geistigen Haltung nicht beeinflussen lässt, so nagen doch seine körperliche Gesundheit, die harten Umstände des Krieges und des Winters sowie psychische Probleme in der Aufarbeitung seiner Kindheit stark an ihm. Letzten Endes wird er in  den Wirren der Belagerung schwer am Kopf verwundet und nur durch etwas Glück und die Hilfe von Thomas,  als einer der letzten, aus dem Kessel von Stalingrad ausgeflogen.

Bis  zu diesem Zeitpunkt lernen wir den Nazi, den Täter Maximilian Aue,  als einen  intelligenten, aber von der nationalsozialistischen Geisteshaltung stark geprägten Menschen kennen. Er ist durchaus bereit eigene Verantwortung zu übernehmen und seine Meinung durchzusetzen.  Allerdings wirkt er anderen Meinungen gegenüber nur wenig aufgeschlossen und agiert teilweise in einer arroganten und menschenverachtend-gleichgültigen Art. Er belächelt, die von ihm mit geringerem Intellekt ausgemachten Menschen und begegnet ihnen meist mit Unverständnis.
Die Gründe für die Entwicklung Aues zu diesem Menschen werden zunächst nur diffus erkenntlich.

Im zweiten Teil zu diesem Buch werde ich die weitere Handlung des Buches darstellen, dabei auf die eben angesprochenen Gründe eingehen und eine kurze Einstellung  zur technischen  Seite des Werkes geben.

…bis dahin

Jonathan Littell

„Die Wohlgesinnten“

1392 Seiten

Berliner Taschenbuch Verlag, 2009

ISBN: 978-3833306280

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