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Die verlorene Ehre der Katharina Blum

November 14, 2008

Was läßt jemanden zum Straftäter werden? Was läßt eine rational denkende Person mit einem gewissen Sinn für Ordnung und einer gesicherten Existenz zum Mörder werden?

Es dreht sich alles um die Frage wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann im Buch „Die verlorene Ehre der Kathatrina Blum“ von Heinrich Böll.

Die junge Frau Katharina kommt, wie man wohl heute sagen würde aus einem sozial-schwierigen Milieu. Der Vater starb zeitig, die Mutter verlor sich daraufhin und der Bruder ist ein verurteilter Straftäter. Zudem hat Katharina ziemlich zeitig den falschen Mann geheiratet und sich von diesem wieder scheiden lassen. Aus diesen Ereignissen heraus ist Katharina allerdings gewachsen und zu einer ruhigen, besonnenen und selbstbewussten Person geworden. Sie betreibt den Beruf, den sie erlernt hat, Haushälterin, gewissenhaft und erfolgreich. Im Laufe der Zeit konnte sie sich damit als Freiberuflerin etablieren und es zu bescheidenen Reichtum mit einem Volkswagen und einer Eigentumswohnung (auch durch die Hilfe guter Freunde) bringen.

Doch nur wenige Tage reichen um alles zu ändern. Als Katharina an einem Mittwochabend ausgeht, weiß sie davon noch nichts. Sie geht los um an einem Tanzvergnügen bei Freunden teilzunehmen. Dort lernt sie den Bundeswehrdeserteur und mutmaßlich Straftäter Ludwig Götten kennen. Der Abend verläuft für beide angenehm und Katharina lässt sich aus Verliebtheit von ihm zu sich nach Hause begleiten. Sie erfährt auch von ihm, dass er von der Polizei gesucht wird, findet dies aber eigentlich recht romantisch und hilft ihm so um ungesehen aus ihrer Wohnung zu verschwinden. Die Polizei, die die Wohnung observierte wurde misstrauisch und veranlasste daraufhin die Durchsuchung ihrer Wohnung und Vernehmung Katharinas.

Die ZEITUNG, ein Boulevard/Revolverblatt ist der Öffentlichkeit nicht durch besondere Sensibilität und journalistische Qualität bekannt. Aus diesem Grund ist es auch nicht verwunderlich, dass im Fall um Ludwig Götten (der von dieser Zeitung schon zum schwerkriminellen Bankräuber abgestempelt ist) Katharina durch ihre Aussagen im Verhör immer mehr in die Schusslinie gerät. Informationen dieser Verhöre, die an die Öffentlichkeit geraten sind werden von der ZEITUNG nicht nur aufgegriffen und bewertet, sondern auf eine unglaubliche Weise aufgebauscht und vorallem verfälscht. Der Reporter in diesem Fall, namentlich Tötges, scheut nicht davor zurück sämtliche, verfügbare Personen aus Katharinas Umfeld (Arbeitgeber, Ex-Mann, Einwohner des Heimatdorfes und sogar die schwer krebskranke Mutter) zu interviewen und verfälschte Aussagen dieser in Sensationsgeschichten zu transformieren. So wird nach und nach ein Bild von Katharina aufgebaut, was der Öffentlichkeit verkaufen will, sie sei eine kaltblütige, gar nuttige und dem Kommunismus zugewannte Frau. Dem Leser der Novelle sträuben sich bei solchen Aussagen die Haare. Durch die Heranführung an das finale Geschehen, den Mord am ZEITUNGSreporter Tötges durch Katharina erfährt der Leser so gut wie alles über Katharinas Wesen und ihre nicht immer einfache Vergangenheit. Daraus scheint es sehr klar, dass Katharina keineswegs dem geschriebenen entspricht und eigentlich das Gegenteil verkörpert.

Als infolge des (angeblichen) Interviews von Tötges mit Katharinas Mutter diese verstirbt, werden Stimmen laut, die ihm die Schuld am Tot der Mutter zuschieben. Auch Katharina lässt der Tod der Mutter, so sehr sie Abneigungen gegen sie hegte nicht kalt. Sie beschließt aufgrund der Ereignisse einem Exklusivinterview mit Tötges einzustimmen. Anfangs hat sie wahrscheinlich noch eine Möglichkeit gesehen Tötges durch ihre Aussage und damit die Wahrheit auf den Weg zurück zubringen, den er verlassen hatte, aber im Laufe der Stunden vor dem Interview steigert sich Katharina immer mehr in die ZEITUNGSartikel und die Geschenisse, so dass sie schließlich Tötges erschießt kurz nachdem er ihre Wonhung betreten hat. Sie weiß erst nicht so recht wie sie mit ihrer Tat umgehen soll und schlägt sich zunächst einige Stunden durch die Stadt bevor sie einem Polizeikommisar die Tat gesteht und ihn bittet die Leiche aus ihrer Wohnung zu entfernen. Das Ende wird eher offen, aber durchaus positiv gezeichnet: Katharina und Ludwig werden wahrscheinlich für längere Zeit ins Gefängniss kommen, aber danach werden sie wohl einem glücklichen Leben zusammen entgegen sehen.

Nun sollte die Frage vom Anfang noch einmal ins Blickfeld rücken. Die Gewalt spielt in diesem Werk eine zentrale Rolle, wobei sie auf sehr unterschiedliche Weise auftritt. Eine gewisse Gewalt spielte schon in Katharinas Kindheit eine Rolle, was sie aber eher zu einer warmen, wenn auch zurückhalltenten Person gemacht hat, als zu einer gewaltätigen. Sie macht zwar den Fehler einen Gewalttäter bei der Flucht zu helfen, aber das rechtfertigt keineswegs die journalistische Gewalt welche ihr entgegengebracht wird. Dies und naürlich auch ihre Verganagenheit führen zu der recht drastischen und auch nicht zu entschuldigenden Tat des Mordes. An einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie alle Unwegsamkeiten hinter sich gelassen hat, viel durchgemacht hat und das erste Mal die Chance hat in einer Beziehung glücklich zu werden ist es ihr nicht möglich solche Anschuldigungen, die auch noch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich sind einfach so hinzunehmen.

Ich denke eine konstruktive Diskussion über den Einfluss und die Grenzen der Presse/Pressefreiheit sollte es zu jeder Zeit geben. Gerade in einer Gesellschaft, die gemeinhin als Informationsgesellschaft betitelt wird sollte mit Informationen jeder Art sensibel und vorallem verantwortungsvoll(!) umgegangen werden. So kann ich nur jedem empfehlen dieses Buch zu lesen, welches genau diesen verantwortungslosen Umgang mit Informationen mancher zur Kritik stellt und vorallem sollte jeder ständig im Hinterkopf haben, dass alle Informationen die täglich auf uns einprasseln nicht einfach durchgewunken werden können, sondern wir immer überprüfen sollten was uns da erzählt wird.

Abschließend möchte noch ein paar Worte über den Stil des Buches verlieren. Es ist recht ungewöhnlich, im Stil eines Reportes geschrieben. Es versprüht damit einen recht kühlen und distanzierten Charakter, welcher es dem Leser allerdings einfach macht sich ein komplettes, unbewertetes Bild zu bilden. Die einzige Wertung die vorgenommen wird steht eigentlich im Nachwort Bölls, während der Erzählung wird zwar darauf verzichtet, aber ich denke jeder Leser wird eine ähnliche Sicht der Dinge bekommen.

in diesem Sinne: lesen, lesen, lesen

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